November 2026: Auch Mephisto muss mit Mühe Atem holen

Veröffentlicht am 31. Oktober 2026 um 08:13

Mit 1142 Metern ist der Brocken die höchste Erhebung in Norddeutschland. Danach kommt erst wieder in Skandinavien echtes Gebirge. Naja, Gebirge! Alpinisten werden schmunzeln. Man besteigt den Brocken nicht, man spaziert oder wandert hinauf auf eine Granitkuppe. Und wir von der Nachkriegsgeneration erst seit 1990. Während der „sowjetischen Besatzungszone“ (zu DDR-Zeiten lag der Harz-Gipfel im sogenannten Sperrgebiet und war auch für real existierende Sozialisten nicht zu betreten, weil fest in russischer Hand, als Abhör- und Spionagezentrale) war er tabu.

Vier Wege führen hinauf, und in den ersten 30 Jahren nach Grenz- und Brockenöffnung bin ich alle mehrfach gegangen. Zwar nicht so oft wie Brocken-Benno, der täglich von Schierke aus hinaufmarschiert ist, aber doch recht häufig. Zu Brockenstammtischzeiten auch im Winter. Freund Martin von der PR Nord führte gemeinsam mit dem Brockenwirt Größen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur, Medien und Gesellschaft aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt dort oben zu Gesprächen zusammen. Wenn nicht mit der Brockenbahn raufgefahren wurde, traf man sich stets im letzten Schierker Gasthaus „Brockenscheideck“. Danach bog man rechts ab und wanderte die Alte Bobbahn hinauf bis zur Brockenstraße.

Oben saßen wir meist an einem Braunschweiger Tisch, der Seniorchef der Kaffeerösterei Heimbs rief die Bedienung und fragte, was das denn für ein ausgezeichneter Kaffee sei, den sie hier ausschenken würden. Das sei Heimbs-Kaffee. Wie bitte? Heimbs-Kaffee aus Braunschweig! Entschuldigen Sie bitte, ich höre ein wenig schlecht. Dann die Bedienung ganz laut, so dass jedermann es hören konnte: „Das ist der gute Heimbs-Kaffee aus Braunschweig!“ Unser Wanderfreund daraufhin: Danke, das genügt!

Meine „Erstbesteigung“ machte ich am 18. März 1990. Das werde ich nie vergessen, denn es war ein Wahlsonntag, jener, der als der Tag der ersten freien Wahlen in der DDR in die Geschichte einging. Zugleich der letzte Tag, an dem eine Volkskammer gewählt wurde. Mit 93,4% Wahlbeteiligung! Wir hatten uns für den Aufstieg über Ilsenburg entschieden. Dreizehn Kilometer sind es von dort hinauf, erst durch das schöne Ilsetal bis zu den Ilsefällen und Ilsesteinen. „Ilse, Ilse, keiner willse“, reimte mein Gefährte. „Kam der Koch, nahm sie doch“, vervollständigte ich. Für die rechte Poesie auf den letzten vier Kilometern sorgte Heinrich Heine, denn diesem späteren Kolonnenweg folgte der Dichter auf seiner Harzreise. Am Waldrand konnte man in regelmäßigen Abständen auf Texttafeln mit dem Konterfei Heines jeweils ein Zitat lesen, etwa: "Wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, muss man an die große deutsche Nationaltragödie vom Dr. Faust denken. Ich glaube, auch Mephisto muss mit Mühe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt, es ist ein äußerst erschöpfender Weg und ich war froh, als ich endlich das lang ersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam."

Unsere dritte Aufstiegsvariante geht von niedersächsischer Seite über den Goetheweg ab Torfhaus oder nahe Oderbrück am Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten über den Dreieckigen Pfahl (als sprachbegabte Spitzbuben ließen wir das „ei“ weg). Was mich damals wunderte: Der schwarz-rot-gelbe Betonpfeiler war viereckig und konnte nicht gemeint sein. Irgendwo dahinter, sagte man früher, sei Stacheldraht – ich sah keinen. Damals nur zwei VoPos oder Soldaten, ob es wirklich Volkspolizisten waren, wussten wir nicht, der Vater nannte sie so, ging schnurstracks auf sie zu und bot ihnen Zigaretten an. Der eine lehnte ab, der andere sah sich um … und griff zu. Die Männer rauchten Attika und wir blieben auf Distanz. Nette Kerle, kommentierte der Vater später, mehr nicht. Von der Eckerquelle geht es heute stramm bergauf bis zur Bahnlinie. Den Punkt nennt man Goethebahnhof, was zur Entlassung von Feuilletonredakteuren führen könnte, denn die erste Eisenbahn dampfte erst weit nach dem Tod des Geheimrates. Von dort aus geht es einen teils über Holzbohlen führenden Weg übers Hochmoor zur Brockenstraße.

Der für mich schönste Weg hinauf zum Brocken beginnt in Bad Harzburg, hinauf zum Molkenhaus, von dort weiter über eine liebliche Bergwiese zum Braunschweiger Weg und an dem feuchten Ecker-Bach entlang. Dann über Treppen hinauf zur Staumauer der Eckertalsperre. Die wurde mitten im Zweiten Weltkrieg 1942 fertig gestellt, vor allem um das Volkswagenwerk in Wolfsburg mit Wasser zu versorgen. Kurze Zeit später verlief dann die deutsch-deutsche Grenze mitten hindurch. Im Zentrum der Staumauer steht noch heute der Grenzpfahl. Erschreckend für die einen, skurril für die anderen, aber aus heutiger Sicht wiederum angenehm für alle. Denn rund 40 Jahre lang konnte sich hier im sogenannten Sperrgebiet die Natur unberührt entfalten. Wir stoßen an der Rangerstation wieder auf den anfangs beschriebenen Heineweg.

Heine sah oben eine aus Naturstein gemauerte Zuflucht mit Turmwarte als Aussichtspunkt, wo er eine halbe Spätsommernacht lang heftig mit einer schönen Unbekannten flirtete. Das Gesicht der holden Dame zeigte angeblich schönere Partien als die unten liegenden Orte "Elend" und "Sorge". Uns begrüßen noch immer dieser majestätische dreibeinige Funk- und Fernsehmast sowie mehrere Lokalitäten des erfolgreich engagierten Brockenwirtes; außerdem ein Museum, ein Hotel, ein Heine- und ein Goethe-Gedenkstein sowie je nach Jahreszeit und Wochentag ein paar tausend Touristen.