Juli 2026: Gangspille

Veröffentlicht am 12. Juli 2026 um 13:57

Was zum Teufel ist ein Gangspill oder eine Gangspille? Wenn es um uferlose Wörter geht, die ich nicht kenne – und glaubt mir: ich kenne viele –, dann frage ich am besten immer bei Folke Tjarks nach, der bekanntlich ein wandelndes Lexikon ist. Hat, wie schon vermutet, nichts mit einer Bewegung fördernden Tablette zu tun, soviel dürfte klar sein. „Auf großen Schiffen wird so“ hebt er an „eine starke, senkrecht stehende Winde zum Lichten der Anker genannt, auf kleineren Booten werden sie als Bratspille bezeichnet.“ Gang, weil man im Kreis rund um die Winde marschiert und sie an Handstangen dreht, indem man sie vor sich herschiebt. Campe, der nur das fem. angibt, wie bei Adelung nur Spille für Ankerwinde u. ä. Die Spille ist eine Welle oder der Wellbaum der Winde, was angeblich auch in anderen germanischen Sprachen verbreitet ist. „Bei der kleineren Bratspille habe ich immer einen Scherz vermutet“, räumt Folke ein, denn diese Welle stehe recht eigentlich für einen Bratspieß, das habe irgendein Gelehrter auch für die Ankerwinde reklamiert. Angeblich erst seit dem späten 18.Jahrhundert. 

„Aus außerhalb von Schiffen wird mit Gangspill eine Welle bezeichnet, die durch Herumgehen im Kreis angetrieben wird, zum Beispiel um Fischerboote an Küsten ohne Hafen auf den Strand hinaufzuziehen:“ Folke kennt das von der Ostseeinsel Usedom und aus Ostfriesland. In den Zeichnungen und Gemälden beispielsweise vom französischen Impressionisten Claude Monet, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Künstlerkolonie Etretat in der Normandie entstanden sind, kann man auf den Stränden Gangspillen erkennen, „wo mit ihrer Hilfe Schiffe auf den Strand gezogen wurden“, drückt sich Folke wenig kunsthistorisch bewandert aus, aber begeistert von der Detailtreue dieser Artisten. Mehr noch: Er sei sogar einmal vor Ort gewesen, und ihr glaubt es nicht: Diese schwere Holzkonstruktionen stehen dort heute noch immer. Und mit Schildern wird ihre Funktionsweise erläutert. Offenbar sind sie nach wie vor im Einsatz. Wobei dies an der normannischen Küste gut möglich ist, denn der Kiel der Schiffe bohrt sich dort nicht in den Sand, sondern kann relativ problemlos auf den von der Meeresbrandung rundgewaschenen Kieselsteinen bergauf, also Strand hinauf rollen.

Eine Gangspille ist aber sogar noch in einem ganz anderen als der Bildenden Kunst geschuldeten Sinn ein Objekt der Industriekultur: Die Seeleute, die an diesen Winden schufteten, nicht nur um Anker zu lichten, sondern auch um riesige Segel zu setzen, feuerten sich geradezu mit Rufen, Kommandos und Gesängen dabei an. Ho und Hey! So kam Schwung in die Bewegung und lustvolles Erfolgserlebnis, wenn die Arbeit vorwärts ging. Da musste ein einfacher Refrain her, der wie im Schlaf abgespult werden konnte, und vielleicht immer nur eine variable Zeile war nötig, die reihum performt wurde und möglichst lustig klingen musste, um selbst an den Spaß bei der Arbeit zu glauben. Diese Gesänge, weiß Folke abschließend anzumerken, sind Kulturgut geworden. Wenn einmal eine gängige Melodie in die Köpfe der Menschen gerät, mit der sie Positives, verbinden, lässt sie sie nicht so schnell wieder los. Und wenn clevere Musiker oder auch Musikproduzenten auf solch eingängige Weisen zurückgreifen können, wären sie schlecht beraten, es nicht zu tun. Um ein Gangspill oder eine Gangspille, soviel solltet ihr euch merken, mein Folke, dreht sich so einiges. Das war schon immer so, das gilt heute und wird auch in Zukunft so bleiben. Solange der Wind weht, das Meer blau ist und die Boote zum Horizont hinausfahren.

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