Januar 2026: Licht der Freiheit

Veröffentlicht am 17. Januar 2026 um 13:34

Der Leuchtturm von Dahmeshöved ist nicht einfach nur ein Seezeichen, eine Navigationshilfe, ein architektonisches Kunstwerk, ein liebgewonnener Hingucker, ein Touristenmagnet, ein Gebilde, das Ostseeurlauber im Laufe ihrer Ferien unbedingt aufsuchen – es ist im gewissen Sinn auch ein Fluchthelfer. Unzähligen Flüchtenden aus der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik war Dahmeshöved ein Licht am Ende des Tunnels. Mit seinen 23 Seemeilen Leuchtweite gab es den Mutigen, die ihr Land verlassen wollten, Orientierung, wohin sie sich begeben mussten – und dennoch oft niemals ankamen, ein Licht der Freiheit. Auch für Maik und Chantalle mit ihrem Schlauchboot. Das hatten sie nördlich von Rerik aufgeblasen, in der Abenddämmerung nach einem Badetag, sie waren mit dem Fahrrad und einem Picknickkorb hierher geradelt, völlig unverdächtig; das Schlauchboot hatte Maik zwei Tage zuvor heimlich in den Dünen deponiert. Der Leuchtturm Buk, zwischen Rerik und Kühlungsborn auf einem Hügel gelegen, warf sein Licht über die See, aber nicht über die beiden. Die saßen im Schatten der Steilküste. Das Riff bei Menschendorf ist eher was für diejenigen, die die Einsamkeit lieben. Das ist heute so, damals war hier niemand. Das Licht von Buk und jenes von Dahmeshöved ergänzten sich, bildeten eine Linie. Bei guter Sicht hätte man das Leuchtfeuer auf der anderen Seite sehen können, von der Mecklenburger rüber zum Ufer der Lübecker Bucht, das Licht der Freiheit.
Aber an jenem Sommerabend Mitte der 80er Jahre war es eher bedeckt. Der Tag war zwar schön, doch gegen Abend zogen Wolken auf. Es waren rund 20 Seemeilen, die sie würden rudern müssen, abwechselnd, mit Glück, ohne Wind und bei wenig Strömung könnte es in acht Stunden gelingen. Um 21 Uhr wurde es allmählich dunkel, um 5 Uhr morgens wären sie, wenn alles klappte, drüben. Ich muss hier nicht unnötig Spannung aufbauen, des-halb sage ich rundheraus: es klappte! Aber Muffe hatten die beiden schon. Schließlich patroullierten ständig Boote der Grenzpolizei. In jener Nacht nicht.
Wäre es damals schon möglich gewesen, hätten sie im Leuchtturm geheiratet. Das war erst später möglich, als in dem dann automatisierten Turm auch ein Standesamt eingerichtet wurde. Sie mussten mit der kleinen Dorfkirche in Dahme Vorlieb nehmen. Aber eigentlich war ja auch eher dieser eine Spätsommertag eher ihr Gedenk- und ganz persönliche Feiertag. An dem besuchen sie noch heute, rund 40 Jahre später den alten Leuchtturm Dahmeshöved, auch ihr Licht der Freiheit.