ANEKDOTEN

Juli 2024

Meine Nacht mit Poseidon

Ob alles ganz anders gelaufen wäre, wenn wir Rasmus, Neptun, Poseidon und Konsorten gehuldigt hätten, lässt sich hinterher leicht orakeln. Fakt ist: Wir taten es nicht! Glaubt etwa irgendwer an den Hokuspokus, wonach von starken Stürmen und tosender See verschont bleibt, wer einen Schluck Hochprozentiges ins Meer kippt und so die Götter der Ozeane damit besänftigt?

Wir ankerten unterhalb des Kaps Sounion an der Südostspitze des griechischen Attika, bewunderten den einmaligen Sonnenuntergang und da-nach den angestrahlten Tempel … und – zugegeben – wir tranken den Schnaps lieber selbst.

Schon bei der Ansteuerung der Bucht hatten wir Sorgen, weil eine kurze Dünung von Süd auf den Strand rollte. Schiffe ankerten keine, wir waren in der Bucht allein.

Ankerpeilung, Ankerwache. Im Halbstundentakt raus aus der Koje und gucken.

Um 0:30 Uhr bemerkten wir eine Versetzung. Neben uns ankerte jetzt eine Katamaran-Yacht von erschreckendem Ausmaß. Der kamen wir nicht näher, wohl aber dem Felsenpaar in Nordwest. Also: Mitsegler wecken und klar zum erneuten Ankermanöver.

Drei Monate zuvor hatten wir an gleicher Stelle schon einmal eine umfangreiche Störung der Nachtruhe: Wie von Teufelshand, oder sollte ich besser sagen, von Poseidons Hand geführt rauschte die komplette Ankerkette von 80 Meter Länge raus. Poseidon, was für ein Spielchen spielst du mit uns?

Schließlich lagen wir ruhig. Schliefen langsam ein. Doch Poseidon hat sich etwas Neues ausgedacht, wie er uns den Rest der Nacht piesacken könnte: Er schickte Mücken. Wir schlugen um uns, gingen an Deck, rauchten – es half nur vorübergehend. Kaum bist du eingeschlafen, schon bist du wieder in Alarmbereitschaft und verteidigst dein Blut.

Am Vormittag folgten wird Poseidons Verlockung, nahmen das Beiboot, ruderten an Land und bestiegen seinen Hügel. Der Tempel steht dort seit 400 v.Chr., und schon damals ritzten die Touristen, die wohl eher eine Art Pilger waren, ihre Namen in die Säulen. Wir waren allein und nutzten die Chance. „Para Kalo“ für alles, womit du uns gequält hast, Gott des Meeres und der Mücken, schnitzten wir in einen Säulenstumpf. Und es war ein herrliches Gefühl, ihm mal so richtig Bescheid gegeben zu haben!